Mafatigué… oder auch „La Réunion verändert sich“

Voilà voilà!

Da sind wir nun angekommen, auf „unserer“ Insel, nach einem ziemlich strapaziösen Flug mit einer Dauer von sagenhaften 30 Minuten 😉. Nun ja, vielleicht trifft es das Wort „stressig“ etwas besser, denn zwischen dem ständigen An-und-Aus-gehen der Anschnallzeichen bleiben tatsächlich nur ca. 3 Minuten, um den Saft, den man während des Fluges gereicht bekommt, auszuschlürfen 😅.

Kaum angekommen, trafen wir am Bus («Car jaune» – ‚gelbes Auto‘ genannt) direkt mal wieder ein Pärchen, Sandra und Stephan, aus Deutscheland 🤦‍♂️. Die beiden waren noch nicht auf La Réunion und mussten sich dementsprechend 1000 und einen Tipp von uns anhören 🤗🤐😆.

Und kaum, dass sich unsere Wege in Saint-Louis (im Südwesten der Insel) trennten, trafen wir die nächsten beiden Deutschen…ein älteres Ehepaar, welches sich wie wir das Abenteuer geben wollte, mit dem Bus nach Cilaos zu fahren – die berühmte Straße der 400 Kurven 😎. Ein ziemlich spektakuläres Unterfangen, schließlich geht es auf gut 1200m hoch und die Straße ist an vielen Stellen für normale Linienbusse eigentlich nicht wirklich befahrbar; mehrmals geht es durch Tunnel, die maximal 3m hoch sind und an den Ein- sowie Ausgängen ca. 2.50m breit sind 🤪 Da passt dann auf beiden Seiten jeweils noch ein Daumen zwischen Bus und Tunnel…😮. An den Tunnelausgängen schließt sich dann auch noch mehrmals eine solch enge Kurve an, dass der Bus mehrmals rangieren muss, um diese zu bewältigen….😄. Ein großer Spaß! 😊

Zur Veranschaulichung hier mal ein kleiner Ausschnitt der Streckenführung:
null

In Cilaos angekommen (und dabei einmal durch das kleine Örtchen Peterboth gefahren, wo wir vor 3½ Jahren unsere erste gemeinsame, kleine süße Unterkunft bezogen hatten), erwartete uns der freundlichste Gastgeber unserer Reise, Roland 😍. Wir hatten das Vergnügen, fast eine Woche in seinem feinen, geschmackvoll eingerichteten Gästeapartment zu wohnen; wir erfuhren erst gegen Ende unseres Aufenthalts, dass sein eigentliches Wohnhaus eine sogenannte «l’Auberge espagnol» – ‚Spanische Herberge‘ ist und wir dort auch prima für lau die ganze Woche hätten „Wohnen“ können 🙈. Mit den bei diesem Konzept natürlich recht großen Abstrichen in Komfort, Privatsphäre, Ruhe und Unabhängigkeit – schließlich kann dort quasi jeder ein- und ausgehen wie er möchte und als Schlafplatz steht „lediglich“ eine Ecke mit bunt zusammen gewürfelten Matratzen zur Verfügung – liebste Grüße an dieser Stelle an Marcel! 🤭🧐🤐👨‍👩‍👧‍👦

Dementsprechend waren wir mit der bezahlten Unterkunft dennoch sehr zufrieden und so luden wir Roland am vorletzten Abend zum gemütlichen Abendessen ein 🙃. Wir erfuhren dabei viele Dinge über die Insel sowie auch viele private Sachen, die man locker in einen separaten Beitrag packen könnte. Zum Beispiel, dass Roland nach wie vor quasi kein Wort deutsch spricht, obwohl sein Sohn schon seit vielen Jahren in Berlin wohnt. Oder dass er praktischerweise schon ein wenig davon profitiert, dass ihm seine Tochter als Mitarbeiterin eines Decathlons (ein Sportgeschäft) das ein oder andere Produkt vergünstigt besorgen kann; dazu sollte ich noch erwähnen, dass Roland mit seinen rund 60 Lenzen ein großer Fan und erfolgreicher Teilnehmer des «Grand Raid» ist, der sogenannten «Diagonale des Fous», also der „Diagonalen der Verrückten“. Jedes Jahr versuchen sich ein paar Tausend Verrückte an diesem Ultramarathon, der nur 165km kurz ist 😂 und bei dem gerade einmal 10.000 Höhenmeter (jeweils auf- sowie abwärts) zu überwinden sind 😲😆. Dieses Jahr brauchte Roland dafür gerade einmal 48h, wobei er in dieser Zeit sogar 2 Mal 25 Minuten lang geschlafen hat 😶.

Insgesamt begegnete uns Roland sehr sehr herzlich, offen, interessiert und hatte auch den ein oder anderen Tipp für die Umgebung, die Restos und die Wanderrouten auf Lager 😉. So haben wir uns in der ersten Cilaos-Woche mit ein paar der schönsten Wanderrunden (die wir aus unserer Zeit vor 3½ bereits kannten und genießen durften – nach Palmiste Rouge, zu la Chapelle und die wunderschöne Bras Rouge Runde) rund um das Städtchen „warm gelaufen“ und das ein oder andere alte und neue Resto ausprobiert – das alles bei bestem Wetter und mit dem wohl (für uns) schönsten Panorama 🥰.

Die Unterkunft bei Roland

Wanderung nach Palmiste Rouge über Bras Sec

Wanderung zu La Chapelle – eine Felsspalte mit besonderer Sonneneinstrahlung 😉😍

Wanderung Bras Rouge – der wohl schönste Rundwanderweg um Cilaos inklusive Abkühlung 😎

„Begleitet“ wurden wir meistens von einem kleinen Weggefährten, den man auf der ganzen Insel antreffen kann – Gouzou 🥰. Ein kleines gelbes Männchen ohne Gesicht, das vom französischen Straßen- bzw. Graffitikünstler Jace kreiert und immer wieder in den verschiedensten Situationen im Alltag oder auch in ungewöhnlichen bzw. gesellschaftskritischen Momenten an Mauern, Häusern, Stromkästen, Wasserbassins und sogar Felswänden an den Wanderwegen verewigt wird 😍🙃. Gouzous gibt es mittlerweile fast weltweit und auf la Réunion verkörpert Gouzou mittlerweile jede Art von Tätigkeit und wird in allen Situationen verwendet.

Gouzou – soll ich wirklich zum Piton de Neiges gehen?

Gouzou – beim Grand Raid (Diagonale des Fous)

Über die Insel und im Speziellen ihrer fortschreitenden „Tourismisierung“ werde ich später noch ein paar Worte verlieren müssen… leider mussten wir zwei Tage später unsere Zelte bei Roland schon wieder abbrechen, um von Cilaos aus in den Mafate-Talkessel abzusteigen. Oder besser gesagt: erst gut 500m runter, dann 1300m hoch auf den «Col de Taïbit», dann wieder 400m runter und schwupps, ist man „schon“ in Marla, dem südlichsten Dorf des Mafates. Freundlicherweise bot uns Roland eine Abkürzung an – er brachte uns am Sonntagmorgen von Cilaos zum Einstiegspunkt «Sentier de Marla», so dass wir nur noch 800m auf den «Col de Taïbit» hochlaufen mussten, um dann die 400m Abstieg nach Marla zu bewältigen.

Zum Mafate ist grundsätzlich zu wissen, dass es sich hierbei um eine Caldera, also eine kesselförmige Oberfläche vulkanischen Ursprungs, in dem Fall des Vulkans «Piton des Neiges», handelt. Der Talkessel hat eine Nord-Süd-Ausbreitung von etwa 10km und eine Ost-West-Ausbreitung von gut 5km und gehört seit 2010 zum UNESCO-Weltnaturerbe. Der höchste Punkt ist der «Piton des Neiges» mit etwas mehr als 3000 Höhenmetern, der niedrigste Punkt liegt auf ca. 200m. Im Mafate gibt es ein gutes Dutzend kleinerer Gebirgszüge mit kleineren und größeren Hochebenen und eine Reihe von Flüssen bzw. z.T. ausgetrockneten Flussbetten. Das Allerbeste: es gibt dort keine asphaltierten Straßen bzw. generell keine Straßen, die mit einem Auto befahrbar sind. Der Mafate ist also ausschließlich zu Fuß 💪🥾🥵 oder per Helikopter 🚁🥱 zu erreichen. Dementsprechend einfach bzw. ursprünglich sind die dort vorzufindenden Gebäude bzw. die knapp zwei Handvoll Dörfer 😍🥰😎.

6 Tage, von Sonntag bis Freitag, haben wir den Mafate kreuz und quer durchwandert und dabei nur wenige Dörfer ausgelassen 😉. Ein echtes Naturerlebnis, welches so einiges an Anstrengung erfordert. Hier mal ein Überblick unserer Wanderroute:

null

Wie man sieht, knapp 60km lang, ca. 4000 Höhenmeter rauf und wieder runter. Für eine Mehrtageswanderung über 6 Tage also insgesamt recht gemütlich, auch wenn einige Abschnitte durchaus relativ anstrengend waren 😉.

Und bevor ich mir hier die Finger wund schreibe, hier mal ein kleiner Auszug der Bilder – alle Bilder gibt’s wie immer in der Galerie, die am Ende des Beitrags verlinkt ist 🙂:

Kurzer Blick „rüber“ in den Talkessel von Salazie 😉 (nächste Episode)

Wie man sieht, eine wirklich super schöne Umgebung 🥰😍😎 mit zahlreichen Ausblicken, die tatsächlich noch relativ ursprünglich geblieben ist. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen im Mafate sind relativ schnell zusammengefasst:
Auf bzw. in den Wanderhütten sowie beim Frühstück/Abendessen trifft man mehr oder weniger gleichgesinnte, erstaunlicherweise häufig ältere Mitmenschen, die sich ebenso wie wir mal eine Weile fernab der Zivilisation aufhalten wollen. Die Gespräche beschränken sich meist auf den Austausch der üblichen Informationen rund um die begangenen bzw. noch zu begehenden Wanderrouten, Tipps zu besonders schönen Aussichtspunkten usw…in den ersten Tagen durchaus interessant und hilfreich, irgendwann wiederholt sich aber vieles 😉. Häufig wiederholt sich auch die Kritik am eintönigen Essen – es gibt quasi immer Reis mit Fisch oder Fleisch (Cari mit Hähnchen oder Schwein, «rougail saucisse» – ’scharfe Würstchen‘), eine kleine Vorspeise (Kraut, Gratin, Salat) sowie ein Dessert in Form eines Stück Kuchens. Dazu wird meist ein Rum in verschiedenen Formen (Punch, arrangé) gereicht. Frisches Obst: Fehlanzeige! 😢
Auch wenn man nach einigen Tagen Reis gern mal was anderes hätte, vergessen einige Wanderer vermutlich, dass sie zum einen nicht im Hotel sind und zum anderen, dass das Essen aus guten Gründen – u.a. dem allgemeinen Mangel an einer großen Auswahl an Nahrungsmitteln mangels Beschaffbarkeit – nun mal so ist, wie es ist. Vermutlich erwartet der ein oder andere auch etwas mehr Auswahl, da der zu zahlende Preis für so ein Abendessen nicht billig ist (meist so um die 22€ pro Nase). Schließlich wird man im Hotel für nen 10er am Tag doch viel besser versorgt 🤨😶. Und dann auch noch diese quietschenden Betten im 6er oder 8-Bett-Zimmer…😏 Und nicht mal eine eigene Dusche! 🤔 Manchmal nur lauwarmes oder gar nur kaltes Wasser! 😮🥶 Die Einwohner des Mafates («Les Mafatais») stopfen sich also mit dem hart verdienten Geld der Touris die Taschen voll! Unverschämt! 😠🤬

Tatsächlich hat sich aus unseren Begegnungen und Gesprächen kein eindeutiges Bild ergeben, was die Mafatais denn am liebsten hätten. Weniger oder keine Touristen und die damit verbundenen Schwierigkeiten, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Oder gar mehr Tourismus, um finanziell mehr zu profitieren. Die einen sagen so, die anderen so. Für mich bzw. uns steht allerdings eindeutig fest, dass der zunehmende Tourismus – nicht nur im Mafate – die Insel bereits in den nur 3½ vergangenen Jahren seit unseres ersten Besuches schon spürbar zum Negativen verändert hat. Es wird an allen Ecken und Enden gebaut, der (Auto)Verkehr hat weiter deutlich zugenommen, die touristischen Ecken haben noch deutlich aufgerüstet, das in unserer Erinnerung gemütliche Cilaos ist förmlich explodiert und so weiter und so fort. Im Mafate trafen wir auf einen Mitarbeiter der A.A.F. (Agence Altitude Formation), der dort eine Umfrage im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Mafates durchführte – wir hatten den Eindruck, dass mit Hilfe dieser Umfrage der Mafate, auch wenn er bereits zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, geschützt werden soll.

Als wir nach 6 Tagen Mafate wieder in Cilaos ankamen, grüßten uns schon die altbekannten „Nachbarn“ auf der Straße 😂 und lud uns Roland – wir hatten unsere großen Reiserucksäcke für unsere Zeit im Mafate bei ihm gelassen – noch auf ein Bierchen ein und fragte ganz neugierig nach unseren Eindrücken. Für mich persönlich war es eine paradoxe Mischung aus Begeisterung (Natur pur!) und Enttäuschung (die offensichtlich scheidende Ursprünglichkeit). Roland stimmte dem zu und erwähnte in dem Zuge, dass es offenbar Pläne gibt, den Mafate bzw. einen Teil davon mit einer Straße zugänglich zu machen 😵 Ein irres Projekt, aber wer die teuerste Straße der Welt (ca. 200 Millionen € pro Kilometer) gebaut hat, der wird wohl auch kaum davor zurückschrecken, eine süße, kleine, schnuckelige Landstraße in den Mafate zu zimmern…🙄😔🤯😪
Der liebe Roland hat uns dann noch einerseits ein…zwei Musiktipps für kreolische bzw. reunionesische Bands oder Künstler mitgegeben (wir wollen unbedingt gerne mal ein Konzert anhören und häufig erfährt man davon nur über «bouche-à-oreille» – Hörensagen). Und er hat uns andererseits mit unserem Sack und Pack (die Ecke rum 😉😏) mit dem Auto zur nächsten Unterkunft gebracht. Es stellte sich lustigerweise heraus, dass Roland und unsere neue Herbergsmama Sandra sich gut kennen (beide aus Cilaos, gemeinsame Geburtstage, beide mal politisch ein wenig aktiv usw. usf.). Weiterhin stellte sich heraus, dass auch Roland im Restaurant „Le Spot“ (wo wir für abends mal wieder einen Tisch reserviert hatten) gern aus- und eingeht und die Inhaber kennt. So haben wir an dem Cilaos-Rückkehrtag lustigerweise viele Grüße hin- und her ausgerichtet 😋☺.

Nach einer Nacht bei der sehr speziellen Sandra haben wir die spannende Busfahrt 😊 wieder hinaus aus Cilaos erneut angetreten und sind für eine paar Tage Erholung ans Meer übergewechselt nach Salines-les-Bains und Saint-Leu an der Westküste. Hier haben wir tatsächlich mal nur entspannt und bei „schönstem“ Wetter (36 Grad 🥵 – lange kann man das nicht aushalten) den Strand genossen, gelesen, Fische bestaunt (viiiiiiel besser als auf Mauritius 😏😮) und sind über einen Markt mit handgemachten Erzeugnissen geschlendert. Am Sonntagabend konnte ich Bine nicht davon abhalten, in Saint-Leu das trubelige Geschehen mit Strandkonzeten in Saint-Leu zu verfolgen – zumal einer der kreolischen Künstler angekündigt war, den Roland uns genannt hatte – Zanmari Baré. Durchaus mal was anderes und eine ganz eigene, afrikanisch anmutende und von vielen typischen Inselinstrumenten geprägte Musik (wenngleich die stetige Einstellung der Tontechnik das ganze Konzert ein wenig zerrupfte). Unsere Heimfahrt per Anhalter(in) hat auch prima geklappt 😉 – die Gute wohnte dann zufällig auch noch in der gleichen Straße wie wir.

An der Strandpromenade von Saint-Leu

Der Strand von Salines-les-Bains 😎🐠🐟🐡

Nun folgt ein kleiner Abstecher in die Hauptstadt (mit Besuch bei den beiden Brüdern Arthur und Gaspard von Bines sehr guter Freundin Lucile aus Frankreich), um von dort aus in den dritten Talkessel – Salazie – zu starten. Dort erwartet uns noch mehr grün 💚 und der Aufstieg auf den «Piton des Neiges» 🤩

Und hier noch schnell die Links zu den Bildern:
Cilaos
Mafate
Strand und Hauptstadt

Die Kommentarfunktion ist derzeit geschlossen.